Exkursion der Klasse 13 in die KZ-Gedenkstätte Dachau
„Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern auch Geschichtetes – also der Grund und Boden, auf dem wir heute stehen.“ Dieser Ausspruch des Theologen Hans von Keler verdeutlicht, dass die Vergangenheit die Gegenwart auf vielfältige Weise prägt, dass unsere kulturelle Identität eng mit historischen Erfahrungen und der Erinnerung an diese historischen Erfahrungen vernetzt ist. Am 10. Oktober 2024 unternahmen ca. 80 Schülerinnen und Schüler der Klasse 13 und 4 Lehrerinnen und Lehrer des Burghardt-Gymnasiums Buchen eine Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Dachau, um einige der erschreckendsten Bodenschichtungen der deutschen Geschichte zu durchleuchten.
Die Essenz des Zitats von Hans von Keler wird gerade an einem solchen Ort spürbar: Dachau ist ein Amalgam aus Vergangenheit und Gegenwart, ein „Grund und Boden“ vergangener Verbrechen, der uns als Gedächtnis- und Erinnerungsort heute eine plastische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Terror ermöglicht und dadurch wiederum Rückschlüsse für die Gestaltung der Zukunft ziehen lässt. Der wichtigste dieser Rückschlüsse findet sich verewigt auf einer Mauer auf dem ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers: „Nie wieder.“
Die Anreise der Gruppe erfolgte mit dem Bus von Buchen aus ab ca. 7.15 Uhr. Nach der Ankunft in Dachau um ca. 12 Uhr bildeten sich vier Teilgruppen, die sich im Zuge eines Halbtagesseminars jeweils intensiv mit dem historischen Lernort auseinandersetzten. Die Einführung erfolgte in Form einer Übung in den Seminarräumen. Bildimpulse gaben Einblicke in die Strukturen des Lagerlebens und reaktivierten das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler. Nach der theoretischen Vorübung lernten die Gruppen in einem geführten Rundgang das gesamte Gelände und die Ausstellungen kennen.
Der Rundgang vollzog im Sinne des Leitmotivs der Ausstellung den „Weg der Häftlinge“ nach. Die Opfer, denen an diesem Ort einst die Identität geraubt werden sollte, stehen im Fokus des Erinnerungskonzepts. Der Weg durch die Erinnerungsstätte rückt die Menschen in den Mittelpunkt, die hier einst entmenschlicht werden sollten. Ihr Schicksal wird dokumentiert, von ihrer Einlieferung, dem Leben, Leiden und Sterben im Lager bis zu ihrer Befreiung. Die Schülerinnen und Schüler betraten im Zuge des Rundgangs beispielsweise die Rekonstruktion einer Baracke, das Lagergefängnis, die Gasgammer des Konzentrationslagers und die Krematorien. Sie diskutierten unter anderem über das Schicksal des Widerstandskämpfers Georg Elser, der im Lagergefängnis inhaftiert war und kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs erschossen wurde. Sie dekonstruierten die zynische Logik der NS-Parole „Arbeit macht frei“, die als Toraufschrift der nationalsozialistischen Konzentrationslager diente und auch in das schmiedeeiserne Eingangstor von Dachau eingelassen ist. Sie reflektierten über die Beweggründe und die Weltanschauung von Holocaustleugnern, die auch in der Gedenkstätte Dachau bereits für Unruhe gesorgt haben. Sie eruierten die Gründe für den massiven Anstieg von antisemitischen Straftaten in den vergangenen Jahren. Und sie erfassten die Weitläufigkeit des NS-Lagersystems, insofern auch das Lager Neckarelz auf vielen Karten auf dem Gelände der Gedenkstätte vermerkt ist. In der Nachbereitung in den Seminarräumen kamen alle Schülerinnen und Schüler zu Wort und konnten über ihre persönlichen Eindrücke und Gedanken reflektieren. Nach dem Halbtagesseminar (ca. 12.00 – 16.00 Uhr) folgte die Rückfahrt mit dem Bus nach Buchen. Die Finanzierung der Exkursion ermöglichte unter anderem der „Verein der Freunde“ des Burghardt-Gymnasiums durch großzügige Zuschüsse.
„Dachau wird immer ein Begriff bleiben, wo Menschen lernen, was Recht und was Unrecht ist“, so äußerte sich Abba Naor, Dachau-Überlebender und Vizepräsident des Comité International deDachau. Als Symbol für die nationalsozialistischen Konzentrationslager gibt Dachau Einblick in die Vergangenheit und legt als Erinnerungsort zugleich offen, welche Konsequenzen wir aus der Vergangenheit ziehen sollten. Die Rabbinerin Prof. Dr. Eveline Goodman-Thau, Holocaust-Opfer und der Stadt Buchen heute eng verbunden, erklärte Schülerinnen und Schülern des Burghardt-Gymnasiums vor einiger Zeit, dass „Erinnern“ im Jüdischen zugleich „Erneuern“ bedeute. Und darin mag wohl tatsächlich die Quintessenz des Erinnerns liegen: Es konserviert nicht nur den Nachhall des Schreckens, der Deutschland in der zweiten Jahrhunderthälfte auf einen besseren Weg brachte, sondern schärft zugleich den Blick für die Gestaltungspotenziale der Zukunft. Die Zukunft ist offen, sie ist gestaltbar, im Schlechten wie im Guten.
„Nie wieder“ – diese Mahnung ist in diesem Sinne vor allem auch ein zukunftgerichtetes Bekenntnis, eine Selbstverpflichtung, über die wir uns als Gesellschaft immer wieder neu vergewissern sollten. Über die Implikationen dieses Ausspruchs wurde im Zuge der Nachbereitung der Exkursion auch in den verschiedenen Geschichtskursen diskutiert. Die Diskussionen mit den Schülerinnen und Schülern, nun wieder im gewohnten Rahmen des Schulunterrichts, führten immer wieder auch zu der Erkenntnis, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit keine historischen Automatismen oder Selbstverständlichkeiten darstellen, sondern aktiv verteidigt und gelebt werden müssen. Die Achtung der Menschenwürde ist nicht garantiert, dies lehrt uns die Geschichte. Diese Erkenntnis bleibt uns, die wir seit unserer Geburt in einer Demokratie leben, zwangsläufig immer etwas abstrakt, immer etwas theoretisch. Doch die „Erfahrung Dachau“ macht diese Erkenntnis plastisch. Dachau ruft uns eindringlich ins Bewusstsein, dass unser Bekenntnis für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit immer wieder der Erneuerung bedarf. In Dachau nämlich lässt sich erahnen, was die Alternative wäre.
https://www.bgbuchen.de/aktuelles/aktuelles/nie-wieder.html#sigProId60a21f71d1
Text: Herr Kolbenschlag
Bilder: Luise Link und Eva Jaufmann



