„Día de los Muertos“ eröffnet am Burghardt-Gymnasium neue Perspektiven auf Trauer und Erinnerung
Was hierzulande Allerheiligen und Allerseelen sind, ist für die Mexikaner ihr „Día de los Muertos“ - gefeiert ebenfalls um den ersten November. Faszinierende Einblicke in diese gänzlich andere, bunte und lebhafte Toten-, Abschied- und Erinnerungskultur bot am Mittwoch der Themenabend im Atrium des Burghardt-Gymnasiums, den Studienrat und Schulseelsorger David Laufer initiiert hatte – auf die bewegende Gesprächsrunde folgten Rundgänge durch die nicht minder berührende Bilderausstellung.
Gekommen waren viele Interessierte, die David Laufer einfühlsam und wertschätzend begrüßte – eine Stimmung, die in wohltuender Art den Abend erfüllte. So beantwortete er die Frage, weshalb man im Sommer so schwere Gefühle wie Tod und Trauer thematisiere: „Der Tod fragt nicht nach dem Kalender. Er kommt zu jeder Tages- und Jahreszeit“, hielt er fest. Möglicherweise sei es gerade deswegen sinnvoll, sich mitten im Leben mit dem Tod auseinander zu setzen und nicht erst im Falle eines Abschieds. Die mexikanische Kultur gehe anders damit um: Bunte Altäre, Blumen, Kerzen und Erinnerungsstücke regen dazu an, die hiesige Erinnerungskultur zu hinterfragen – weder kritisch noch vergleichend, aber ernsthaft. „Es geht nicht um die Übernahme mexikanischer Ideen. Wir möchten nur versuchen, ob sie uns hier und da helfen können“, schilderte er.
Herzstück des Abends war die Gesprächsrunde zum Thema „Umgang mit Trauersituationen – persönliche, gesellschaftliche und kulturelle Perspektiven“ , zu der David Laufer auf verschiedene Weise mit dem Thema „Tod“ vertraute Personen eingeladen hatte: Mit ihm auf der Bühne standen Michael Sauter vom gleichnamigen Bestattungshaus, Bianca Seitz als verwaiste Mutter und Leiterin der „Trauergruppe Lichtblick“, der evangelische Dekan Ingolf Stromberger und der katholische Pfarrer Frederik Reith, die Lehrerin Irene Gimber, die vielseitig engagierte Ursula Nickels-Scholer sowie Mazlum Oktay als Geschäftsführer des Pflegedienstes „Hand in Hand“. Zunächst bezog man sich auf Rituale, die in beiden Trauerkulturen – deutsch und mexikanisch – eine tragende Rolle spielen. David Laufer definierte Rituale als helfendes Element: „Sie drücken aus, was Worte nicht beschreiben können“, merkte er an. Irene Gimber verdeutlichte das am Beispiel eines verstorbenen Kindes, nach dessen Tod die Mitschüler einen Altar zum Gedenken errichteten und sogar eine Geburtstagsfeier planten – für den Abschied eine wertvolle Geste. Dem pflichtete Bianca Seitz bei: „Auch Kinder müssen Abschied nehmen“. Dekan Stromberger bezog sich auf die Wichtigkeit von „Orten der Trauer“, die im Sinne eines Rituale gesucht und gefunden werden; Pfarrer Reith riet bewusst zu eigenen Gedankengängen – man solle „nicht das tun, was 'man' so macht, um Gerede der Nachbarn zu verhindern“. Der Verzicht auf schwarze Trauerkleidung könne hilfreich sein, doch befinde man sich in Deutschland erst am Beginn eines Wandels. Mazlum Oktay schlug Gesprächskreise vor, Michael Sauter bezeichnete die Trauersituation als „in unserem Kulturkreis oft sehr schwer“. Umso mehr können Rituale ein Band zwischen Verstorbenen und Hinterbliebenen knüpfen – und sei es die Beigabe von Gegenständen in den Sarg. „Es können auch Zigaretten und Streichhölzer sein“, merkte er an. Auch Lieblingslieder des Verstorbenen helfen beim Abschiednehmen, wobei es durchaus auch Rock-, Pop- oder Raptitel sein können – es sollten Lieder sein, die der Verstorbene schätzte. Ursula Nickels-Scholer hob hervor, dass Rituale sich aus Anfang, Höhepunkt und Abschluss zusammensetzen – Letzterer kann der Gottesdienst am Ende des Requiems sein, aber auch der Leichenschmaus. Gleichsam könnten Friedhöfe als Begegungsorte fungieren. Dahingehend fügte Mazlum Oktay an, dass schöne Momente zur Erinnerung gehören.
Äußerst interessante Antworten ergab die Frage nach eigenen Erlebnissen. Michael Sauter fand klare Worte: „Hilfe durch Familie und Freunde ist das A und O. Dabei kann auch der Bestatter mitwirken – wenn wir etwas für Hinterbliebene tun können, tun wir das“, betonte er. Ursula Nickels-Scholer bezog sich auf „zuweilen überfordernde“ Beisetzungen im engsten Familienkreis – ein Gesichtspunkt, den Pfarrer Reith unterstrich. „Der engste Kreis wird oft zum Dilemma von Angehörigen, die sich gern vom Onkel verabschiedet hätten und nicht zur Beerdigung kommen durften“, berichtete er. Aus pflegerischer Sicht meldete sich Mazlum Oktay zu Wort: „Viele meiner Angestellten geraten an emotionale Grenzen, wenn sie einen Toten vorfinden. Hier kann schon das reine Zuhören vieles entschärfen“, ließ er wissen. Irene Gimber ermutigte die Gesellschaft dazu, das Sterben nicht weiter zu tabuisieren und erfuhr die Zustimmung Ursula Nickels-Scholers, während Bianca Seitz als verwaiste Mutter auf einen besonders schweren Abschied verwies. „Wenn Eltern ihr Kind überleben, ist nichts mehr wie zuvor. Viele verwaiste Eltern brauchen dann eine Begleitung, wissen aber nicht, wie ihnen geholfen werden kann“, führte sie aus. Noch immer seien die Hemmschwellen sehr hoch – und das in einer Zeit, in der gern von Offenheit, Toleranz, Miteinander und Füreinander gesprochen wird. Trotzdessen gehe es nicht darum, den Tod als triviales Massenobjekt zu inszenieren: „Das Thema ist schwer und wird oft verdrängt. Wenn jemand darum lieber einen Bogen macht, ist das auch in Ordnung – auch wenn wir alle gehen müssen und man den Mut haben sollte, sich mit seiner eigenen Endlichkeit zu befassen“, fasste Ingolf Stromberger zusammen. Gleichsam solle man Trauergefühle nicht unterdrücken, wie Pfarrer Reith konstatierte: „Trauer kommt aus der Liebe. Nur Liebende können trauern“, betonte der Geistliche. Auch brauche Trauer Zeit, die man ihr und sich selbst geben müsse – starke Worte Michael Sauters, ehe Mazlum Oktay sich im Namen aller bei David Laufer für dessen Engagement bedankte. Er habe es geschafft, das zuweilen belastete Thema sensibel und aufrichtig aufzubereiten und mit der „Día de los Muertos“-Ausstellung spannende Kontraste zu präsentieren. Diese konnte man sich beim Genuss feiner mexikanischer Snacks ansehen.
Info: Die Bilderausstellung „Día de los Muertos“ mit Fotografien von Bernhard Stüber und Luisa Malagamba de Stüber ist bis zum Freitag, 24. Juli, im BGB-Atrium zu sehen. Nach Absprache bietet David Laufer Führungen für Gruppen an (e-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).
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Text: Adrian Brosch (RNZ)
Bilder: Herr Laufer, Herr Schwab



